Quo vadis Aggression ?

Quo vadis Aggression ?

FRANSI ROTTMAIER·MONTAG, 11. APRIL 2016

 
Lustbetonte Aggression und der Umgang mit „gewaltätigem“ Verhalten? Lässt sich die Gewaltspirale durchbrechen – und wenn ja, mit welchem Ansatz?

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E. S.(Facebook Nutzer):

(…) Bei Menschen geht man so auch nicht mit Gewalttätern um, zumindest nicht in zivilisierten Ländern. Man verschafft ihnen Erfolgserlebnisse und kurbelt die Serotoninproduktion an, man möchte erreichen, dass „gutes“ Verhalten Lust bringt und die Verknüpfung Gewalt=Lust durchbrochen wird. Jugendliche Straftäter werden durch Sport ausgepowert, ihr SelbtBEWUSSTsein wird aufgebaut und sie bekommen alternative Aufgaben, durch die sie Erfolgserlebnisse haben und sich besser / wohler fühlen. Man hemmt nicht, man lehrt. (…)

 
Das wird jetzt nicht nur ein „Hundethema“, obwohl es im Prinzip sehr nahe am Hund liegt. Vieles, was in der humanen Gewaltforschung erarbeitet wurde, lässt sich mit einigen Einschränkungen auch auf canides Aggressionsverhalten projezieren.

Die Herangehensweise über „angekurbelte Serotoninproduktion“ ist ja nun nicht gerade neu – tatsächlich handelt es sich um eine Jahrtausende alte Praktik, die ursprünglich dortmalig dominierenden Kriegerkasten oblag. In der Moderne liegt ein Großteil der wissenschaftlichen Betrachtungen im Bereich der sog. „Wagnisforschung“, die darauf abziehlt, eine Entwicklung zu einem ausgeglichenen, konfliktfähigen und selbstbewussten Menschen einzuleiten. Denn ein ausgeglichener Mensch neigt weniger zu aggressivem Verhalten, als ein unausgeglichener – soweit die Theorie.

 
Und da wird es schwierig: Aggressionsverhalten hat viele, viele Ursachen.
 …
 
 
Laut Gerhard Roth (Uni Bremen) gibt es drei verschiedene Typen von Gewalttätern:
 
  
1. die Gruppe, welche während ihrer Sozialisation Gewaltausübung als praktikable Erfolgsstrategie erlernt hat
 
2. umfasst über 70 Prozent aller Gewalttäter: Menschen, welche sich schnell bedroht oder abgelehnt fühlen und ihre Impulse darauf nur schwer kontrollieren können
 
3. die sogenannten „Psychopaten“, deren Gewalttaten mit Plan, besonderer Brutalität und ohne dem Vorhandensein von Schuldgefühlen und Reue erfolgen.
 
  
Es gibt keinen allgemeingültigen Therapieansatz für alle Auslöser. Zu diesen Übergruppen gehören individuelle Einzelschicksale, bei denen eine Kombination aus genetischen Dispositionen und ungünstigen Lernerfahrungen zu kritischen Verhaltensweisen geführt haben.
 
Ein eklatanter Faktor, der über den Erfolg einer Resozialisierungsmaßnahme entscheidet, ist der kognitive WILLE – denn dieser steuert letztendlich gewalttätiges Verhalten.
 
Und da trennt sich die Realität von den Modellansätzen des Behaviorismus, welche gerade in der Hundeausbildung sehr weit Fuß gefasst haben. Bereits in den 70er Jahren ist der Behavorismus schon durch die Ansätze der Kognitionswissenschaft und der Erforschung neuronaler Vernetzungen als dominierende Lehrmeinung abgelöst worden. Und gerade die Neurophysiologie spricht sehr explizit von der schieren Unberechenbarkeit des Lernverhaltens neuronaler Netze…
 
Bei Hunden ist es weitaus schwieriger Aggressionsverhalten zu klassifizieren, da Hunde deutlich mehr aggressiven Kontext besitzen – ihnen fehlt die Fähigkeit zur Abstraktion, welche Aggression bzw gewaltätiges Verhalten in lingualen und sozialem Umfang zu „schlucken“ vermag. Ihre kognitive Einflussnahme ist durch die fehlende Abstraktion weniger ausgeprägt, „direkter“ in Relation zu ihrer aktuellen Umweltsituation.
 

Grundlegend kursieren in der caniden Aggressionsforschung eine Menge offene Fragen und unbestätigter Thesen. Beispielsweise die weitverbreitete Lehrmeinung, welche Aggressionsverhalten mit Angstauslösern gleichsetzt:

„Aggression steht sehr oft mit Angst oder Stress in Verbindung. Angst ist eine angeborene innere und äußere Stressreaktion des Körpers auf Bedrohung. Diese Definition ist mit der Definition für Aggression vergleichbar: Auch Aggression ist eine angeborene innere und äußere Stressreaktion des Körpers auf Bedrohung, die die Distanzvergrößerung zum Ziel hat. Das heißt, Angst und Aggression sind letztendlich zwei Seiten ein und derselben Medaille, zwei mögliche Reaktionen (Flucht oder Angriff) auf ein und dieselbe Situation. Unsichere Hunde beißen in aller Regel schneller zu – sozusagen vorsichtshalber – und zeigen weit mehr Drohsignale, wenn sie bedrängt werden. Motto: Angriff ist die beste Verteidigung.“

(http://www.unsere-pfoten.de/extern/hundeerziehung-aggression.pdfhttp://www.unsere-pfoten.de/extern/hundeerziehung-aggression.pdf)“

 
In einem (humanen) Experiment wurde die Antwort des Gehirns auf Frustration und Provokation untersucht und herausgefunden, dass das selbe limbische System für die Erst-Verarbeitung zuständig ist, welche Bedrohungen einordnet. Daraufhin leitete man ab, dass es zwischen Aggression und Angst keine wirkliche Trennung gäbe. Ergo, Aggression entsteht aus „angst“-auslösenden Faktoren.
Und das widerspricht einer Menge realitätsnäheren Gegebenheiten.
 
Gewalttätiges Verhalten und somit auch die getätigte Aggression als solches wird nämlich über den kognitiven Sektor gesteuert – Emotionen treten dabei zurück. Das spricht dafür, dass diese Hirnregion lediglich als Katalysator zwischen aufgenommenen Reizen und einer systemischen Reaktion zu verstehen ist (welches auch der Theorie über das Lernverhalten neuronaler Netze nahekommt).
Kognitive Verhaltensweisen (große Bedeutung gewinnt dabei der Komplex, welcher für Risikobewertung und Lösungsstrategien zuständig ist) lassen sich nicht im behavioristischen Sinne über emotionale Manipulation steuern, da die dafür benötigten Bereiche während aggressiver Handlungen quasi inaktiv werden. Wichtiger wäre hierbei eine gezielte Auseinandersetzung mit dem kognitiven Bereich der Gewaltausübung, um einen bewussteren und berechnenderen Umgang mit aggressionsauslösenden Impulsen zu schaffen. Dies ist nämlich trainierbar. Und das Erleben während der Verhaltensausübung nimmt wiederum Einfluss auf das emotionale Wahrnehmen und Bewerten von daran gekoppelten Reizauslösern.
 
Der Versuch, gewaltätiges Verhalten in sozialverträgliche Bahnen zu lenken, ist so alt wie die menschliche Zivilisation selbst. Selbst Aristoteles ließ sich über Mitmenschen aus, die durch ihr Natuell zu einem Übermaß an natürlichen Bedürfnissen neigen. Die Theorie des „Mangels“ als Antrieb für ein Verhalten ist diesbezüglich trügerisch:
„Mangel“ ist eine individuelle Wahrnehmung, die durch das situative Fehlen von Verstärkern gekenntzeichnet ist. Diese Verstärker lassen sich jedoch nicht unbegrenzt „synthetisieren“ und in direkter Konkurrenz zueinander wird ein genetisch dispositionierter Verstärker einem synthetisch erschaffenen immer überlegen sein, da sich die Rahmenbedingungen für Verstärker lediglich in abgeschossenen Bereichen (stationärer Klinikaufenthalt mit minutiös kontrollierten Bedingungen) konsequent künstlich einhalten lassen.
Das ist auch ein wichtiger Faktor während dem Scheitern von Resozialisierungsprogrammen.
 

Programme, welche einen aktiven, kritischen Umgang mit persönlichen Reaktionsmustern auf Auslöser favorisierten und lediglich sozialverträgliche Handlungen als Bewältigungsstrategie eintrainierten, weisen höhere Erfolgschancen auf. Diese Herangehensweise spricht zum einen die kognitive Motivation (durch das Einführen von starken Vorbildfunktionen und dem Kreieren von Innerer Sicherheit und Selbstbewusstsein durch psychische Leitlinien – Verhaltenskodex, Moralvorstellungen, Selbstkontrolle, Wir-Gefühl) wie auch die gezielte, aktive Schulung im Umgang mit Reizauslösern und Gewalthandlungen. Hierbei entsteht auch eine Umkanalisierung von genetischen Verstärkern in typverwandte, jedoch sozialverträgliche Verhaltensweisen. Diese Verstärker sind deutlich korrorionsbeständiger als synthetische Verstärker. Das Lernen beschränkt sich nicht auf Abstraktion, sondern auf aktives Erleben und Selbstreflexion von emotionalen und kognitiven Ist-Zuständen.


Ein Zitat von Aristoteles beschreibt den Ansatz der „vollständigen Gewaltmeidung“:

 (…)Nun, Übermaß ist möglich im Falle der guten Dinge des Körpers, und es ist die Suche nach Übermaß, aber nicht die Suche nach notwendiger Lust, die einen Mann schlecht macht. Denn alle Menschen erhalten irgendeinen Genuß von gutem Essen, Wein und sexuellen Beziehungen, aber nicht jedermann genießt diese Dinge in der richtigen Weise. Das Umgekehrte gilt für Schmerzen: Eine schlechte Person vermeidet nicht nur das Übermaß davon, sondern sie vermeidet sie gänzlich. Denn das Gegenteil eines Überschusses ist nur für den Menschen schmerzhaft, der den Überschuß sucht . . . . (…) (Nikomachische Ethik, Buch 7)
 
Wir leben heutzutage in einer ausgesprochenen „Angstgesellschaft“, in denen abstrakte Ritualisierungen, persönliche Komfortzonen und das Abgeben von Eigenverantwortung mehr und mehr überhand nehmen, während der tatsächliche „Schutz“, das persönliche Sicherheitsbedürfnis der Gemeinschaft, immer weiter angestrebter Individualisierung weicht. Dadurch entstehen immense Spannungsverhältnisse, die schwierig zu kompensieren sind.
 

Die Suche nach Abwendung von Gewalt entspringt ebenso der Suche nach innerer Sicherheit wie dem Bewusstsein, dass naturgesetzlich in einer uniformen Gemeinschaft die aggressive Mutation (Normabweichung) immer erfolgreicher sein wird, solange, bis die steigernde Grundaggressivität die Schwelle zur sozialen Instabilität überschreitet. Diese wird von den vorherrschenden Rahmenbedingungen (Lebensumstände, Entwicklungsfreiräume) bedingt.

„Grenzen entstehen, wo die persönlichen Freiheiten die Freiheiten eines anderen beschränken“.

Grenzen zu erreichen und Grenzen zu setzen erfordern ein bestimmtes Maß an Aggressionspotential.

Es ist natürlich ein unbestreitbar hehres Ziel, für friedfertigen Umgang einzustehen. Nicht umsonst wird viel Energie in die Forschung gesetzt, wie sich das Maß an Gewalt und Unterdrückung im großen Stile senken lässt.
In dem Ausgangsartikel wird das Beispiel der „Weg der Gewaltlosigkeit“ zur Umerziehung von gewalttätigen Jugendlichen vorgestellt, die ethnischen Lehres des Yogas zum friedfertigen Umgang mit Menschen.
 

Diese Ansätze entspringen jedoch einer religiösen Motivation. Religiöse Motivationen entstehen oftmals aus einem unlösbaren Spannungsverhältnis, einem immensen Leidensdruck – und dem Umgang mit persönlicher Schuld. Beispielsweise von Menschen, deren psychische Konstitution keinen kontrollierten Umgang mit bestimmten Auslösern (Gewalthandlungen, aggressive Sexualität, Rauschmittelmissbrauch) zulässt und die in solchen Lebenskonzepten einen Weg finden, trotzdem in der Gesellschaft existieren zu können. Die disziplinare Funktion übernimmt in diesem Fall die religöse Lehre. Frei nach Aristoteles: Wer keine ausreichende Selbstdisziplin einzuhalten in der Lage ist, sucht die Abstinenz. Religiöse Konzepte funktionieren jedoch ebenfalls über extrem abgrenzende und reglementierende Zwänge… psychische Schuld-Hebelmechanismen sind effektiver als tatsächliche Repressalien, da sie auf Erwartungshaltungen fokkussiert sind, maßgeblich dem Entzug Innerer Sicherheit durch Ausstoß aus der Glaubensgemeinschaft.

Die Wagnisforschung befasst sich mit der Manipulation von Transmitterausschüttungen in den Spannungszuständen zwischen dem Jetzt-Zustand und dem erwarteten Ereignis.
 
Dabei spielt die „Angstlust“ (Balint) eine bedeutsame Rolle:
 

Das intensivste Erleben von „Glücksgefühlen“ tritt nach dem Überwinden von Widerständen mit einem hohen Versagensrisiko auf, dem konkreten Durchleben von Furcht/Schmerzerlebnissen mit darauf folgendem Erreichen eines Verstärkers. Populär ist dieser Mechanismus aus dem Glücksspiel, Drogenmissbrauch und – in etwas gesellschaftstauglicherer Form: Extremsportarten. Fälschlicherweise wird dieser Vorgang gerne abwertend als „Adrenalinjunkies“, „krankhafte Rauschsucht“ und ähnliches negativiert.

„Angstlust“ hat jedoch eine extrem wichtige Aufgabe in der Entwicklung zum Erwachsenen: Sie schult den kognitiven Umgang mit emotionalen Auslösern, trainiert das Aushalten von Spannungszuständen und Frustration und verhindert (nicht, wie fälschlich propagandiert, fördert!), durch das Fördern von Selbstbewusstsein und Handlungssouveränität die unerwünschten Entwicklungsprozesse zu einer instabilen, aus Minderwertigkeitskomplexen heraus aggressiv oder panisch handelnden Gewaltpersönlichkeit. Jedes Kind und jeder Jugendliche erfährt Angstlust. Eine Erfahrungsdeprivation verursacht psychische Instabilitäten, die später ein Auslöser von Stresserkrankungen und psychischen Störungen darstellen kann (Interessant sind hierzu die Versuche schwedischer Verhaltensforscher zur Zucht widerstandsfähiger und wesensfester Gebrauchshunde, die prä- und postnatale Stresseinwirkungen als unabdingbar für die Entwicklung von belastbarer Stresstroleranz befanden!).
 
Es gilt als erwiesen, dass reizsuchende Persönlichkeiten (Balint) mit einem aktiven Umgang von Angstlust und Aggression nicht nur in der Gesellschaft erfolgreicher auftreten, sondern ein weitaus höheres Maß an „Sicherheitsstandards“ erreichen: sie sind im Umgang mit Risiken- und Bedrohungssituationen geschulter, souveräner und besitzen mehr Selbstdisziplin gegenüber emotionaler Antriebe.
 

Wenn man es genau nimmt, werden Trainingsmethoden, die auf einer Bildung von erwünschten Verstärkern durch mehr Umkanalisation und weniger abstrakter Synthetisierung in Verbindung mit aktiven Grenzsetzungen, aversiven Konsequenzen und gezielte Konfrontationen mit zu bewältigenden Bedrohungssituationen IMMER erfolgreicher sein als die favorisierten Herangehensweisen von Reizmeidern, die auf eine Uniformität der Gesellschaft abzielt, um aversive Reize und Stressoren effektiv meiden zu können. Denn dies ist nicht nur utopisch, sondern würde für einen langfristigen Erfolg bedingen, „reizsuchende Individuuen“ als stete Infragestellung dieser Lebensform aus der Gesellschaft zu entfernen. Neben den moralischen Aspekten führt dies auf kurz oder lang jedoch zu einer Entwicklungsstagnation und letztendlich einem Aussterben einer Gesellschaftsform, da eben jene Persönlichkeiten diejenigen sind, die für Weiterentwicklung und Resistenz gegenüber Bedrohungslagen benötigt werden. In der Geschichte der Zivilisation ist nahezu jede positiv (wie durchaus auch negativ) antreibende Persönlichkeit als „Reizsucher“ beschrieben.


 

Nach J.W. Prescott entspringt der Drang zu Aggression und Gewalt einer Bedürfnisdeprivation im vor-sexuellen (kindlichen und früh-pubertären) Zeitraum der Reifeentwicklung, welche mit für die jeweiligen genetischen Dispositionen zu wenig aktiver Erfahrung mit somatosensorischen Berühungen einher geht:

„Bei isoliert aufgezogenen Affen und hochaggressiven, in Heimen untergebrachten Kindern wurden abnorm niedrige Werte an Blutplättchen-Serotonin gemessen. Diese Entdeckungen legen nahe, daß somatosensorische Deprivation während der Wachstumsperioden der Entwicklung ein wichtiges biochemisches System im Körper entscheidend verändert, das mit hochaggressivem Verhalten zu tun hat. Einige andere Forscher dokumentierten Anomalien im Adrenalin-Kortison-Reaktionssystem bei Nagetieren, die isoliert aufgezogen wurden und die hyperaktives, hyperreaktives und hyperaggressives Verhalten entwickelten. Daher wissen wir, daß ein weiteres wichtiges biochemisches System, das mit Aggressivität zusammenhängt, durch frühzeitig im Leben stattfindende somatosensorische Deprivation verändert wird. „

 
Diese Aussage ist die Grundlage für eine Therapie mit Beeinflussung des Serotoninspiegels, welche sich zurecht sehr erfolgversprechend darstellt.
 

Aber Vorsicht:

Das bei lustvollen, interaktiven Berührungen ausgeschüttete „Bindungshormon“ Oxytocin, dessen Fehlen laut Prescott zu einem klinischen Serotoninmangel führte, ist nicht nur für das Wohlgefühl und der Stabilität einer Gemeinschaft/direkter Sozialpartner zuständig, sondern beeinflusst auch das Aggressionsverhalten gegenüber Artgenossen, mit welche keine homornell zu trage kommenden Bindung eingangen wird. Es fördert also nicht nur Zufriedenheit und Glücksgefühle innerhalb einer Gemeinschaft, sondern auch Spannungsverhältnisse zu „Außenstehenden“, das Aufkommen von Neid und Schadenfreude.

Diese Mechanismen werden schon sehr lange bei Gesellschaftsentwicklungen und Gesellschafterhalt eingesetzt (Wer kennt nicht den römischen Ausspruch: Brot und Spiele für das Volk“?) und haben auch eine tragende Rolle bei spontanen Vermassungen von Menschenmengen, denen oft gewalttätige Handlungen nachfolgen.

Deswegen ist eine übersättigte und „zufriedene“ Gesellschaft auch nur so lange friedfertig, wie ein Spannungsverhältnis zu einer externen Bedrohung existiert und das Erreichen von persönlichen Erfolgen über das Bewältigen von Ängsten erfolgen kann…
 
 

Quo Vadis Aggression?
 

Ethnische und moralische Tabus ändern nichts an der Bipolarität unseres Seins.

 
Es wird immer eine Konkurrenz von Reizmeidern zu Reizsuchern geben, eine Anwesenheit von Aggression und Gewalttätigkeit während der Abwesenheit von körperlichem Lustempfindungen. Wir werden immer Angst erleben, wir werden immer aggressive Bewältigungsstrategien finden (müssen), um uns selbst zu (er)leben.
 
Genauso wie unserem Zivilisationsnachfolger, dem Hund, Aggression als Lebensenergie in die Wiege gelegt wurde, gehört es zu einem grundlegenden Mechanismus des Lebens, Stressoren als wichtige Einflüsse für die gesunde und widerstandsfähige Reproduktion einer Art einzusetzen. Wir sind dazu erschaffen, Spannungszustände zu bewältigen – und daraus Energie für unsere Lebensziele zu gewinnen.
 

Wegen dieser Lebensgrundlage gibt es heute Hundetrainer, die ihren Kunden erklären müssen:

Warum ihr satter und zufriedener Hund an der Leine pöbelt.

Warum ihr Angsthund aggressive Lösungsstrategien favoritisiert.

Warum ihr wohlsozialisierter Hund ein leidenschaftlicher Raufer ist.

 
Warum ein über-umsorgter Umgang einen Hund aggressiv gegenüber ihrer Besitzer machen kann.
 

Und, und, und …

 

Es ist ein Fehler, „Lust“ an Aggression als falsche, unnatürliche Konditionierung zu behandeln. Unsere Hunde besitzen keine abstrakte Willenskraft, um ihre eigenen neuronalen Konditionierungen nach und nach ihrem gewünschten Selbstbildnis anzupassen und wir besitzen nicht die Möglichkeit, von außen nachhaltig in diese Lernprozesse einzugreifen – es sei denn, über aversive Verstärker. Wir können mit unserem begrenzten Wissen und unseren Interpretationen von Verhalten lediglich Anreize schaffen, die ein entspanntes Zusammenleben mit einem Hund ermöglichen.

Es ist auch ein Fehler, als ein Reizmeider die Dispositionen eines Hundes im Sinne seiner eigenen Ängste zu instrumentalisieren – was wissen wir in unserer begrenzten Gedankenwelt schon über das (lustvolle) Erleben eines von Moral und Ethik nur rudimentär berührten Tieres? Welches wir zudem selbst durch Domestikation in einen Zustand der fortwährenden Lern- und Erfahrungslust versetzt haben, ihm nun aber dieses Erleben aufgrund unserer Angstmentalität verwehren möchten? In diesem Falle sind WIR der Mangel…
 

Die „goldene Mitte“ ist keine Norm, Abweichungen davon sind weder prinzipiell klinisch, noch immer therapiewürdig.

 

Das Ziel sollte sein, Hunde und Hundehalter darin zu unterstützen, die manchmal komplizierten und schwierigen Umweltanforderungen unserer Zivilisation ohne Fremd- oder Selbstgefährdung zu bewältigen – und zwar im Rahmen dessen, was persönliche Umstände an Entwicklungsspielraum bieten.

Ein guter Trainer respektiert seine Umwelt, selbst wenn sie von seinen persönlichen Wert- und Normvorstellungen abweicht. Er missioniert nicht, er destabilisiert nicht die Persönlichkeit und hat keinen erzieherischen Auftrag in der Gesellschaft – er ist dafür da, die persönlichen Stärken und Schwächen einer Mensch-Hund-Konstellation zu erkennen, ihnen mögliche Lösungsstrategien anzubieten und Gefährdungsprophylaxe zu betreiben.

 
Die Gefährlichkeit eines aggressiven Hundes sollte an den Fähigkeiten zur Gefahrenbewältigung einer Mensch-Hund Konstellation gemessen werden. Nicht an der bloßen Wahrnehmung von aggressivem Verhalten oder entsprechendem Aggressionspotentials.
 

Die „Gefahr“ ist letztendlich die Unberechenbarkeit einer Schädigung, nicht das bloße Vorhandensein eines Schädigungspotentials.

Dieses Schädigungspotential wohnt jedem von uns Menschen in weit höherem Maße inne als jedem beißenden Hund… treffend nach Plautus:

lupus est homo homini, non homo, quom qualis sit non novit.

Franziska Rottmaier  11.04.2016

 
 

 
PS:
 
Dieser Artikel erhebt keinen Anspruch auf Klassifizierung als „wissenschaftliche Arbeit“.
 

Es handelt sich um einen kritischen Vergleich der Zusammenfassung wissenschaftlich anerkannten Thesen im Bereich Gewalt- und Aggressionsprophylaxe, welche Beobachtungen und Ausbildungserfahrungen mit aggressiven Hunden und dem Umgang mit gewalttätigen Menschen gegenüber gestellt werden.

Diese Erfahrungswerte entstammen hauptsächlich der Resozialisation von „gefährlichen“ Hunden, der Diensthundeabrichtung, Problemlösungsinterventionen in Sport- und Familienbereichen und nicht zuletzt der Zusammenarbeit mit Kriminologen und Verhaltenstherapeuten im Umgang mit Gewaltbeziehungen, mit Gewalt zusammenhängenden Straftaten, Risikenanalysen und Deeskalation von aggressiven Konfrontationen.

 

Kurze Präsentation von Franziska Rottmaier und Team

https://www.canine-guardian.org/

( A tribute to our partners in duty : our eyes, our ears, our noses and our sixth sense o danger:

 Protection Dogs )

 Mobil : https://youtu.be/rEt0tiODGdU

 

 

Infos zum Verhalten

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